02. 09. 2000 - 03. 09. 2000
chroma farbenlehre für chamäleons

expo 2000/theater portrait
 
deutscher pavillon, expo 2000 / hannover (D)

1963 – der geniale Regisseur und Mephisto-Darsteller Gustaf Gründgens liegt in einem Hotel in Manila im Sterben. Nach dem Rückzug vom Theater hat er ausgedehnte Reisen unternommen und sieht sich auf der letzten mit dem Ende konfrontiert. In seinen Fieberfantasien verdichtet sich noch einmal sein gesamtes künstlerisches, erotisches und politisches Leben, und die Darsteller in seinem persönlichen Drama oder Trauerspiel – wie immer man es sehen mag – ziehen an ihm vorbei. Werner Fritsch, Autor verschiedener zeitgenössischer, kritischer Theaterstücke über die deutsche Wirklichkeit der letzten hundert Jahre, hat sich dieses brisanten Stoffes angenommen, den vor ihm bereits Klaus Mann in seinem Schlüsselroman “Mephisto” aufgearbeitet hatte. 

 Stilgerecht zur Todesstunde des großen Mephisto-Interpreten erscheint die Inkarnation seiner bedeutendsten Rolle, der böse Gesit selbst, im schwarzen Dress der berühmten Hamburger “Faust”-Inszenierung und in Gestalt der Schauspielerin Karin Klein. Fortan wird ihn sein “alter ego” begleiten bis zur letzten Minute und seine emotionellen Ausbrüche und Ängste sarkastisch-teuflisch kommentieren. Dabei imitiert und karikiert Karin Klein die akrobatisch stilisierten Bewegungen des mephistophelischen Gründgens alter Tage. 

 Während Gründgens (Matthias Scheuring) im und vor dem Bett liegt, leidet und auch – zumindest fantasierend – liebt, spielen sich vor einem roten, transparenten Vorhang die Schlüsselszenen seines Lebens ab. Da räsonniert Emmy Göring (Elisabeth Krejcir) über die verlorene Liebesmüh mit Gründgens, den sie doch so gerne geehelicht hätte. Dafür schützt sie seine gleichgeschlechtliche Neigung vor dem Reinheitswahn der Nazis. Dann wieder mutiert Gründgens in seinen Fantasien kurzfristig selbst zu Hermann Göring. Dieser kommt auch in Gestalt des Schauspielers Gerhard Hermann daher, zum Osterfest mit Hasenohren – offensichtlich eine authentische Anekdote – und schreiend vor Angst, wenn die Nazi-Ärztin detailliert die chirurgische Umwandlung der Homosexuellen erläutert. 

 So jagt eine Szene die andere: Adolf HItler (Gerhard Hermann) tanzt mit Emmy Göring und schnarrt seine verquere Philiosphie herunter, Klaus Mann (Gerhard Hermann) beschimpft Gründgens wegen seines politischen Opportunimus und seines ambivalenten Verhältnisses zu Erika Mann (Zitat: “Eine Mann ist keine Frau!”), diese selbst (Janina Sachau) spielt im Dreiecksverhältnis mit Bruder und Gustaf seltsame erotische Spiele, und dazwischen drängeln sich Elisabeth Flickenschild (Karin Nennemann) oder eine Gretchen-Darstellerin (Janina Sachau) mit Varianten berühmter Faust-Monologe (“Mein Ruh´ ist hin,…”). 

 Das alles ist sehr dicht gewoben und schwebt auf einem hohen sprachlichen Niveau. Sehr geschickt mischt Fritsch Originalsequenzen aus dem “Faust” mit heutiger Alltagssprache, um dann wieder aktuelle Kommentare zum Gründgens-Leben in Verse zu kleiden, die dem “Faust” entstiegen sein könnten.

 Auf diese Weise vermischt sich die fiktive Theaterwelt des Protagonisten ununterscheidbar mit seinem realen Leben. In der Gestalt des Mephisto begegnet sich Gründgens in seinen letzten Stunden selbst, und dies ist nicht nur als selbstreferenzieller Gag zu verstehen, sondern die Mephisto-Gestalt stellt die dunklen, gerne verdrängten Eigenschaften von Gründgens dar: einen kühlen, als Abgekärtheit getarnten Zynismus, der es ihm erlaubt, gelangweilt die Minibar des Hotelzimmers zu inspizieren, während draußen die Welt seiner abgelebten Geister mit Hitler und Göring und diversen Geliebten tobt. Sein politischer Opportunismus, den er in seiner Abwehr gegen den aus dem Dunklen Vorwürfe schleudernden Klaus Manns als taktischen Schachzug zur Rettung von Juden zu erklären sucht. Von den Furien der Erinnerung und des schlechten Gewissens gejagt, verstrickt sich Gründgens zunehmend in Widersprüche und verfällt in verzweifelten weil finalen Aktionismus.

http://www.egotrip.de/theater/0001/0001_chroma.html